schreibzeug

20. Juli 2007

Kultur

Gespeichert unter: Stimmungen — ktbr @ 9:37

Auf der Hinfahrt setzte ich während des Fahrens und daher unter Einsatz meines Lebens, ein schon länger gehegtes Vorhaben um: Alle mir lieben Kultursender sind in meinem Autoradio nun über die Stationstasten direkt erreichbar. Von Nord nach Süd, von Ost nach West. Dieses Unterfangen war nötig geworden, nachdem mir mein Sohn den Frequenzspeicher mit Techno- und sonstigen Ex-und-Hop-Sendern überschwemmt hatte. Easy Listening, Future Pop, Micromusic, Trip Hop, Dark Wave, Funk, Rap, Punk – Gnade! Dabei müsste man ja noch tiefer gehen: Allein der so scheinbar griffige Ausdruck Punk umfasst wiederum Noise Rock, Anarcho-Punk, Hardcore-Punk, Horrorpunk, Post Punk oder No Wave. Und glaube nun keiner, dass diese Liste bereits vollständig sei. Ganz im Gegenteil. Ich weiß nicht, ob es ein Autoradio gibt, das für all diese Stilrichtungen je eine Stationstaste anbietet. Welch gütiges Schicksal verfügt nun, dass es nicht mehr als sechs Kultursender gibt, die ich im Rotationsverfahren regelmäßig höre? Denn seit der Teilung der Speicherkapazität meines Autoradios existiert dieses in einer Art Schizophrenie vor sich hin: Sechs Kanäle sind eher archaischen Klängen vorbehalten, die anderen sechs meinem Bedürfnis nach dem Wahren, Schönen und Guten.

Jetzt, auf der Rückfahrt, das Auto beladen mit einer halben Küchenausstattung – den herbei gesehnten Herd, die schmerzlich vermisste Spülmaschine, banal Hilfreiches wie einer jener Dosenöffner mit Ultra-Mechanik – läuft auf einem dieser Kanäle eine Sendung über neue afrikanische Literatur in der Diaspora. Nach einiger Zeit des Zuhörens beginne ich, noch halb im Taumel der Fußballweltmeisterschafts-Euphorie, depressiv zu werden. Und ich frage mich, ob mich das interessieren muss.

Dabei habe ich doch schon umgeschaltet von jenem anderen Programm, in dem mir eine weibliche Stimme mit deutlich österreichischem Einschlag wie beiläufig, beinahe schon gelangweilt wirkend, aus einem Buch vorliest, dessen Inhalt schwerste Innerlichkeit containerartig nach außen kippt. Damit nicht genug werden die Lesepausen mit A-Capella-Gesängen ausgefüllt, die mich an Troubadix’ „anakreontische Ode“ erinnern, auf deren „verbalistische Transzendenz“ der stets Verkannte so stolz war.

Dermaßen hoffnungslos eingeklemmt zwischen Unverstandenem und Unverständlichem beschließe ich mich dem Diktat des Viervierteltaktes und jener omnipräsent gewordenen weiblichen Singstimmen hinzugeben, die allesamt blonden oder farbigen Schönheiten knapp jenseits der Zwanzig gehören. Obwohl ich nie Stones-Fan war, tut es da schon fast wieder gut, die höchst einfachen Arrangements dieser Gruppe in einer Live-Schaltung zu hören und mir die Fratze eines Mick Jagger dazu vorzustellen. Immerhin einer, der nichts anderes darstellen kann als das, was er ist. Einfach und ehrlich oder einfach nur clever?

„Paint it Black“ weckt in der ziemlich einfallslos – ja, wie sagt man: aufgepeppten ? – Live-Version mehr denn je Erinnerungen an Zeiten erster Gehversuche, in der die Waschmitteltrommeln aus Pappe, das unerschwingliche Drum-Set ersetzten. (Oder hätte ich jetzt „Schlagzeug“ sagen sollen?) Draufdreschen und neunundneunzig Mal das Gleiche singen und spielen. Mein Gott, waren das einfache Zeiten. Instrumente waren zu teuer, aber dafür gab es die großen Waschmittelgebinde. Heute gibt es ALDI, der zwar keine runden Papptrommeln führt, dafür aber das Gitarren-Set mit Material zum Selbststudium. Mein Gott, sind das einfache Zeiten, die einen glauben machen, für den Monatsbezug eines Hartz IV-Empfängers ein Töne speiendes Gebilde erwerben zu können, das den Namen Musikinstrument verdient. Nein, so einfach sind die Zeiten denn doch wohl nicht mehr, als dass man mit dem Stil der Rolling Stones noch richtig groß rauskommen könnte. Es sei denn halt, man heißt Mick Jagger. Der hat einfach früh genug damit begonnen, einfach zu sein.

19. Juli 2007

Zwei Stunden Sommer

Gespeichert unter: Stimmungen — ktbr @ 12:27

Zwei zeitlich nicht nahtlos aneinander zu reihende Vorhaben verpassten mir eine Atempause, die so unwillkommen gar nicht war. Nach meinem Besuch in der Bibliothek lockte mich der nahe Park. Dort hoffte ich eine leere Bank zu finden, auf der ich mich im Schatten großer Kastanienbäume zum Lesen niederlassen konnte. Ich hatte mir ein Buch über die Geschichte der Pest ausgeliehen, ein zur Jahreszeit absolut passendes Thema. Wenngleich ich ergänzen muss, dass die Jahreszeit nicht der Auslöser für diese düstere Lektüre war.

Meine Hoffnung erfüllte sich, ich hatte freie Auswahl. Alle Bänke waren unbesetzt, jedenfalls so lange, bis ich mitten im ersten Kapitel meines Buches angelangt war. Ein junges Pärchen tauchte für mich wie aus dem Nichts auf und brachte Leben in die stille Ecke.

„Liebst Du sie noch?“, zwitscherte sie, und das klang, als ob Lieben die vorübergehenste Sache der Welt wäre. Einen Porsche möchte sie mal besitzen, war da zu hören. Worauf der junge Mann mit deutlich besserer Bodenhaftung als der beste Sportreifen zurück fragte, welches Auto sie denn nach der offenbar kurz bevor stehenden Füherscheinprüfung fahren werde. „Einen A3″, meinte sie, „aber der gefällt mir nicht.“ Den inneren Aufschrei des Gesprächspartners hörte man selbst in fünf Metern Entfernung als Schnauben durch wahrscheinlich enorm aufgeblähte Nasenflügel. „Jetzt überleg’ mal, wer fängt denn schon mit einem A3 an!“ Diesen Einwand überging sie mit einem leichtfüßigen Lächeln und einem ebensolchen Schulterzucken, das ich in den Augenwinkeln erkennen konnte.

Das Gespräch wandte sich leichteren Themen zu. Irgendwie war es gut, dass ich mein Kapitel zu Ende gelesen hatte.

Die Geschäfte hatten inzwischen geschlossen. Ihre Auslagen lockten keine Kundschaft mehr herbei, vielmehr wirkten sie im Schattenspiel der historischen Gassen dunkel und halbwegs bedeutungslos. Sie zeugten entgegen ihrer Bestimmung von der Lust ihrer Besitzer auf einen Sommerabend. Die Straßencafés waren gut besucht von Gästen, die die nachlassende Hitze mit Plaudereien bei Milchkaffee oder schon dem ersten Bier feierten. Die Restaurantterrassen füllten sich allmählich mit leger bekleideten Menschen, die die Speisekarten nach frischer Kost durchstöberten. Überall entließen geöffnete Fenster überschüssige Wärme ins Freie. Flimmernde Luft trug das Geschirrklappern der gemeinsamen Familienmahlzeit zwischen die Häuserzeilen und Kinderstimmen kündeten vom viel zu frühen Zubettgehenmüssen.

Alles war einfach nur Sommer.

Ich schlenderte durch die Gassen, denn ich hatte immer noch Zeit, und ließ die Stimmung auf mich wirken. Ich erinnerte mich an jene mir völlig unverständlichen Momente, in denen auch ich als Kind im Bett lag und die Abendsonne durch die Lamellen der Klappläden Streifenmuster auf meine nackten Beine zeichnete. Es war stickig-warm im Zimmer. Draußen hörte ich die verlockenden Geräusche des Spiels der Älteren, die noch nicht zu Bett gehen mussten. Die Siedlung bebte noch. Aber all das pralle Leben erreichte mich doch nur wie durch schaumverstopfte Ohren, obwohl es nahe vor dem Fenster meines Kinderzimmers brodelte. Mit wachsender Einsicht in das Unabänderliche begann ich hinüber zu dämmern in den Tagtraum. Aus den Lichtstreifen auf meinen Beinen formte sich ein Zebra und das Spektakel hüllte mich in Trance. Vor meinem inneren Auge tauchten fremde Städte auf, mit bunten und belebten Häfen, die Kreuzotter vom Mittagsstreifzug huschte noch einmal durch meinen Taumel, die Frage danach, ob wohl unter meinem Bett ein Monster hausen könnte, wurde beiläufig und ich schlief ein.

Ich träumte. Ich hatte sie festgehalten, die Bilder vom goldgelb-dürren Gras an den Abhängen jenes Bergkegels, der einmal Vulkan war. Zu damaligen Zeiten, das war mir bereits schemenhaft klar, streiften hier noch nicht jene Menschen durch die Einöde, die die Kegelspitze mit diesem Turm künstlich erhöhten, den man heute noch dort oben sehen kann. Er steht einsam seinen Posten, offenbar hatten die Erbauer vergessen, ihm noch eine Burg darum herum zu spendieren. Und irgendwie verschwammen die Traumgedanken darüber in einen fernen, von Rätseln umwobenen Fluchtpunkt, der keine Zeit- oder Ortsbestimmung mehr zuließ. Damals oder jetzt, morgen oder heute waren nicht mehr zu trennen.

Ich war überall und Überall war ich.

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