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20. Juli 2007

Die Todgeweihten grüßen uns

Gespeichert unter: Kommentare — ktbr @ 9:16

Das Echo könnte unterschiedlicher nicht ausfallen. In der Zuschauerschaft reicht es von Vorwürfen, Jahre lang weggesehen zu haben, bis zu ungeteilter Zustimmung, in der Fachwelt wirft man Deutschland vor, es habe keine Radsport-Tradition. Wie dem auch sei: Der Ausstieg von ARD und ZDF aus der Tour-Berichterstattung ist beschlossen, und er hat hohe Wellen geschlagen.

Dumm ist eigentlich nur, dass wir das völlig falsche Thema diskutieren.

Eigentlich kann es jedem von uns doch ziemlich gleichgültig sein, was ein Radprofi in seinen Körper pumpt. Er ist Gladiator, wie übrigens jeder Leistungssportler, und steigt für uns in die Arena. Ave Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich! Cäsar, das sind wir alle, die wir nach jedem Fußballspiel, nach jedem Boxkampf und nach jedem Tennismatch den Daumen heben oder senken. Wir, die Zuschauer, sind es, die Sieger sehen wollen – unsere Sieger selbstverständlich.

Ganz so einfach ist es nun leider doch nicht, denn im Unterschied zum alten Rom gilt es außer dem Publikum noch einige andere zufrieden zu stellen, allen voran die Sponsoren. Und da unsere modernen Gladiatoren ihre Kämpfe in der Regel wenigstens ein paar Jahre überleben, kosten sie im Unterhalt auch einiges mehr. Es geht also ums Geld. Und wenn’s darum geht, wird’s immer irgendwie kompliziert.

Geld hat die unselige Eigenschaft, alles, womit es zu tun hat, zur Ware zu machen, sich selbst eingeschlossen. Und es hat einen kaninchengleichen Vermehrungstrieb. Und damit ist ein einfacher Sieg nicht mehr genug. Für die bessere Prämie muss schöner gesiegt werden, höher, schneller, weiter. Die nächste Bergetappe muss noch schwieriger werden.

Bei alledem gibt es ein reichlich banales Handicap – unseren Körper. Er gehorcht den physikalischen Grundsätzen dieser Welt, und die kennen eindeutige Grenzen. An dieser Stelle der Kette treffen erneut ein Bedürfnis und ein Angebot aufeinander: „Du willst schneller und ausdauernder sein? Ich kenne das was… !“ In der pharmazeutischen Halbwelt lässt sich vorzüglich verdienen.

Spätestens jetzt muss irgendjemand anfangen, ehrlich zu sein. Die Zuschauer, die Kommentatoren, die Medien überhaupt und die Sponsoren müssen eine Entscheidung treffen. Wollen wir einen Sport, in dem der bloße Sieg zählt oder sind es Bestzeiten und Bestweiten, die uns interessieren? Im letzteren Fall müssen wir uns alle eingestehen, dass es aufrichtiger wäre, Doping offiziell zuzulassen. Das hieße aber auch, für alle gesundheitlichen und sozialen Folgen einer solchen Entscheidung grade zu stehen.

ARD und ZDF haben sich entschieden. Ihnen deswegen vorzuwerfen, dass sie früher weggesehen hätten, ist Unsinn. Mit diesem Argument ist jegliches Umdenken totzuschlagen, nicht nur im Sport. Was dann vollends unter einer Tradition im Radsport zu verstehen ist, die Deutschland fehle, wissen vielleicht nur die Pharmagötter. Sinkewitz’ B-Probe ist gar nicht entscheidend. Von Bedeutung ist allein, ob angehende Sportprofis – junge Menschen – auch künftig vor der Entscheidung stehen werden, sich mit allerlei Drogen vollzupumpen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Alternative hieße Zweitklassigkeit.

Der Sportwelt hier die Stirn zu bieten und ihr diese Entscheidung abzuverlangen, dafür lohnt es sich allemal, Prügel einzustecken. Wer sich als junger Mensch für den Sport als Beruf interessiert, soll ohne Wenn und Aber wissen, worauf er sich einzustellen hat.

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